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Hartes Rugby als Balsam für die Seele

Kevin Krämer (Mitte) wird in die Zange genommen. Solche Karambolagen sind beim Rollstuhlrugby ganz selbstverständlich.
Ein Leben ohne die Greifswalder-Rollmöpse und krachende Zweikämpfe auf dem Parkett? Für Kevin Krämer undenkbar.
Der 18-Jährige, der seit seinem zweiten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, wird jedes Mal unruhig und hippelig, wenn er nicht zum Training in die Arndt-Halle fahren kann. „Müsste ich mit Rugby aufhören, dann würde mir etwas fehlen“, erzählt er. Seit einem Jahr ist Kevin Feuer und Flamme für diesen Sport, bei dem Karambolagen ganz selbstverständlich sind.
Denn anders als bei der Freiluftvariante werden hier Körper und Ellenbogen durch den Rollstuhl ersetzt. Die Gefährte mit denen Krämer und seine Mitspieler auf Punktejagd gehen, erinnern deshalb auch mehr an Streitwagen als an handelsübliche Rollstühle: Dicke Aluminiumstreben sorgen für mehr Stabilität, Stützräder vorne und hinten verhindern das Umkippen. Und dann noch die einer Stoßstange ähnelnden Bumper: die an die „Bullenfänger“ von Geländefahrzeugen erinnern. Doch während diese bei Jeeps oftmals nur der Zierde dienen, reicht ein Blick auf Kevins Gefährt, um zu wissen – beim Rollstuhlrugby werden diese „Rammböcke“ auch benutzt. Unzählige Dellen und abgesplittertes Aluminium zeugen von vielen Zweikämpfen.
Um den Gegner aufzuhalten, ist beim Rollstuhlrugby nämlich so ziemlich alles erlaubt: der Gegner darf von vorn, von hinten und von der Seite angegriffen und getackelt werden. „Da kann es schon einmal ordentlich krachen, wenn die Spieler mit 15 Sachen zusammenstoßen“, weiß Rollmöpse-Trainer Daniel Lemke.
Seit 2001 trainiert er das Team, schaffte mit ihnen den Sprung in die Regional- und die zweite Bundesliga. Irgendwann möchte er mit seiner Truppe auch in der Champions-League antreten. Als gelernter Physiotherapeut kennt er auch den therapeutischen Nutzen des Rollstuhlrugbies. „Kraft, Ausdauer und Koordination werden trainiert“, erklärt Lemke. Durch das Training kommen die Sportler fitter und selbstständiger durch den Alltag. Und manchmal ist Rollstuhlrugby auch Balsam für die Seele. Trainingserfolge, die Einbindung in ein Team und die freundschaftliche Kontakte zu Spielern anderer Mannschaften zeigen: „Es geht weiter im Leben.“
So wie bei Dirk Weber. Seit einem Trainingsunfall vor 14 Jahren ist der ehemalige Turner vom fünften Halswirbel abwärts gelähmt. Zwölf Wochen lag er damals im Krankenhausbett, hat dabei 25 Kilo Muskelmasse verloren.
Nach dem Unfall dauerte es zwei Jahre, bis er im Leben wieder einen Sinn sah. Im Rollstuhlrugby fand er eine Herausforderung, bei der er sich als ehemaliger Leistungssportler richtig auspowern kann. „Krankengymnastik oder Tischtennis, da konnte ich mich nie austoben“, erzählt Weber. Rugby ist für ihn Ausgleich zum Arbeitsalltag und Fitnesstraining.